Maria hasste diesen Tag. Zuerst die Hektik in der Früh, dann dieser dämliche Club, dann diese blödsinnigen Vernehmungen - und jetzt diese Wohnung. Die war schlicht und einfach eine Frechheit. Konnte Moser mit ihr nicht einfach Wohnung tauschen? Für seine Jasmin-Besuche würden ihre 60 Quadratmeter allemal noch reichen. Wozu brauchte dieser Mann, der ohnehin schon alles hatte, als Absteige eine Dachterrassenwohnung? Maria schob die Tür zur Terrasse auf. Südseitig. Uneinsehbar bis auf die Wohnung der Stein. Zwei ihresgleichen unter sich. Spiele am Rand des Himmels.
"Na, net übel. Jetzt weiß ich, warum die Jasmin auf ihn steht."
"Wahrscheinlich hat er auch noch einen Porsche."
"Nein, das neue BMW-Cabrio."
"Ja? Leider. Geschmack muss man ihm zugestehen."
Maria blinzelte in die Sonne und fühlte Tränen in sich aufsteigen. Nie, aber auch niemals, würde sie sich so etwas leisten können. Warum war sie bloß so versessen darauf, Verbrecher zu jagen? Das zahlte sich doch offensichtlich einfach nicht aus. Sie war schon froh, wenn sie alljährlich das Geld für einen schönen Urlaub zusammenkratzen konnte. Vielleicht sollte sie umsatteln. Vielleicht sollte sie die Wrenk ein paar Mal besuchen und sich dann einen Millionär angeln? Oder gleich im Club? Dort scheinen sich ja alle zu versammeln, die Geld hatten. - Naja, bis auf Franz. Und Elsa. Scheiße. Maria hasste ihre Gedanken. Sie wollte eigentlich nur eines: schlafen. Sollten sich die Menschen doch umbringen, wenn sie wollten. Wen kümmerte es denn? Vielleicht bekam man auch so die Bevölkerungsexplosion in den Griff? Straffreiheit für Morde! Keine sonstige Brutalität mehr, sondern nur einfache, glatte Schlussstriche. Und vielleicht würde sich auch irgendwer ihrer erbarmen, dann bräuchte sie sich nicht mehr fragen, was sie in ihrem Leben falsch machte. Phillip war wieder in die Wohnung hineingegangen und rief nun nach ihr. Maria klopfte sich auf die Wangen und atmete ein paar Mal tief durch. Aber der Druck in der Brust blieb.
"Chef, kommen Sie doch, das müssen Sie sich unbedingt anschauen."
Maria setzte sich in Bewegung. Ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie dieses ,Chef' nervte. Es war wie ein penetrantes Rufzeichen, das sie daran erinnerte, wie schwierig ihre Beziehung zu Phillip war. Nein, sie musste auf Urlaub fahren. Ja, sie würde sofort nach diesem Fall auf Urlaub fahren. Maria nahm sich fest vor, gleich morgen - nein, Montag, Gottl um Urlaub zu bitten. Maria ging Phillips Stimme nach und landete im Schlafzimmer. Kabinett! Dieser Moser war wirklich - unausstehlich. Das Schlafzimmer war so groß wie ihr Wohnzimmer plus Küche. Naja, für Orgien brauchte man wahrscheinlich Platz. Als Maria sich umdrehte, blieb ihr der Mund offen stehen. Die ganze Wand, die gegenüber dem Bett lag, war über und über mit Bildern von Barbara Stein tapeziert. Aber nicht nur mit Portraits, wie Franz angegeben hatte, nein, die Stein war auch in eindeutigen Stellungen zu sehen. Diese Fotos waren aber alle offensichtlich auf der Terrasse ihrer Wohnung gemacht worden. Phillip saß beinahe andächtig auf dem Bett.
"Sie war wirklich eine schöne Frau. Nein, eigentlich nicht nur das. Sie ist ... sie wirkt ... also, ich weiß nicht, wie ... naja, sie ist einfach ... wunderschön. Überall."
"Danke für das Fachurteil."
"Na, finden Sie nicht?"
Und Phillip sagte das in so einem - nicht schweinischen, sondern eben andächtigen Ton, dass sich Maria unwillkürlich neben ihn setzte und die Photos ebenfalls eingehend studierte. Phillip hatte recht. Die Stein war einfach schön. In jedem Körperbereich - so weit sie das als Frau beurteilen konnte. So eingehend hatte sie andere Frauen ja noch nicht studiert. Noch nicht. In Maria steig ein Glucksen auf. Nicht schon wieder! Aber so sehr sie sich auch konzentrierte, sie konnte das Kichern nicht unterdrücken. Phillip sah sie verständnislos an. Lächelte beinahe mitleidig.
"Sie wirken angespannt und müde. Haben Sie letzte Nacht schlecht geschlafen?"
Maria gefror das Lachen. Wollte Phillip sie auf den Arm nehmen? Ihr Handy läutete. Maria hob ab.
"Kouba? - Oh, hallo! Das ist aber fein, dass Sie gleich zurückrufen. - Ja, und Herr Moser meinte, Sie hätten später noch jemand in der Wohnung der Stein gesehen? Und das würde ich gerne mit Ihnen besprechen, vielleicht können Sie uns - Wirklich? Na, dann sind Sie ja nicht weit von Mosers Wohnung entfernt. Wir sind gerade da. - Gut, ja, dann also in fünf Minuten."
Maria legte auf.
"Die Jasmin war um die Ecke bei der Schneiderin. Sie kommt rauf und bringt Kuchen mit."
"Nett. Na, dann machen wir es uns einmal bequem. - Wir könnten ja inzwischen das Bett testen?! Hat die richtige Härte."
"Ja, aber Sie haben sie sicher nicht so schnell."
Gerade noch rechtzeitig konnte sie dem Polster ausweichen, den Phillip nach ihr schoss.
Das erste, was von Jasmin sichtbar war, als Maria die Tür öffnete, war das sehr runde Hinterteil. Sie bückte sich offensichtlich nach ihrem Hund.
"Pipsi, du bist ein ganz Schlimmer. Du weißt, dass Kuchen gar nicht gut für dich sind."
Jetzt erst sah Maria, dass das Päckchen aus der Konditorei kopfüber auf dem Boden lag. Sie bückte sich danach und sah in weiterer Folge - dass der Hund eine Katze war. Vielmehr, nach der Ansprache zu urteilen, ein Kater. An der Leine. Die beiden Frauen lächelten sich vornübergeneigt an.
"Das ist ganz lieb von Ihnen, danke. Ich bin Jasmin."
"Hallo, ich bin Maria Kouba."
Sie richteten sich auf. Aus dem Augenwinkel sah Maria, dass Phillip die Szene amüsiert beobachtete.
"Ich hoffe, man kann ihn noch essen. Pipsi ist ganz wild auf Erdbeerschnitten. Er hat mir das Packerl aus der Hand gerissen."
"Wird schon noch gehen, ist ja fest verpackt."
Maria machte die Türe frei, Jasmin kam mit Pipsi im Schlepptau herein. Phillip fixierte das Tier.
"Und bellt er auch?"
Jasmin ließ ein glockenhelles Lachen erschallen. Maria erschrak richtig, denn so gut war der Scherz von Phillip auch nicht gewesen.
"Ja, das ist mein Kollege Roth."
"Freut mich. Ich bin Jasmin und das ist Pipsi."
Phillip hockte sich zu dem Kater und ließ ihn an der Hand schnuppern, worauf der Kater gleich völlig begeistert Phillip um die Beine strich.
"Ja, hallo Pipsi. Du bist aber ein Schöner. Und ein Braver!"
"Nein, nein, er ist ganz ein Schlimmer. Gell Pipsi, du bist ein Schlimmer."
"Nein, er ist ein Braver. Gell, Pipsi."
Sie buhlten weiter um die Gunst des Katers und Maria kam sich ziemlich unnötig vor. Und außerdem wie in einem Kabarett.
"Äh, ich glaube, wir setzen uns auf die Terrasse."
"Oh ja, ich liebe die Terrasse. Ich finde es furchtbar, dass Patrick die Wohnung aufgibt. Dieser Blick, der wird mir richtig abgehen. Ich werde Kaffee machen, ich bin hier ja quasi die Hausfrau."
Wieder das glockenhelle Lachen. Sie befreite Pipsi von der Leine und schwebte in die Küche. Der Kater stürmte auf die Terrasse, wo er sich gleich am Lattenrost die Krallen schärfte. Phillip setzte sich zu ihm auf den Boden und lockte ihn.
"Ich habe immer geglaubt, Sie sind ein Hundemensch?"
"Naja, eigentlich schon. Aber die Kombination ist natürlich super. Wenn die Katze an der Leine geht, kann man sie wie einen Hund überall hin mitnehmen."
"Ist das nicht ein bissel ... artfremd?"
"Pipsi mag es anscheinend. Also muss es auch andere Katzen geben, denen das nichts ausmacht. - Ich finde sie toll, sie sind so eigenständig."
"So, der Kaffee dampft schon. Die Teller und die Gabeln."
Während Jasmin aufdeckte, konnte Maria sie endlich eingehender studieren. Irgendwie war sie enttäuscht, denn sie hatte sich - insgeheim - einen weiteren Klon von der Stein erwartet. Aber Jasmin war oben sehr dünn, eigentlich zu dünn, hatte kaum Busen, eine große Nase und gefärbte rote Haare. Nur der Popo war sehr drall. Eine Mischung zwischen burschikos, italienischer Mamma und Primadonna.
"Ja, also, lassen Sie uns zur Sache kommen. Sie waren wann das letzte Mal mit Herrn Moser zusammen?"
"Letzten Mittwoch ... was eigentlich außertourlich war, weil das sonst sein Clubabend war. Aber die Stein war daheim, deswegen. Gottseidank hab ich grad keinen anderen ghabt."
"Zahlt er gut?"
"Super. Und meistens gibt er auf den Normalpreis was drauf. Und das Kraut bezahlt er auch. Gutes Kraut, nicht so eine verschnittene Shit-Scheiße, wie sie einem so andere Blödmänner anbieten. Glauben die, die können mich für blöd verkaufen?! Die Nutte, die merkt schon nichts. Ha, da haben sie sich aber geschnitten. So einen Scheiß rauch ich gar nicht, sonst bin ich am nächsten Tag völlig fertig, und das schlagt sich dann aufs Gschäft."
"Jasmin, so genau sollten wir das gar nicht wissen."
"Naja, wir sind ja eh unter uns. Auf jeden Fall will ich damit sagen, dass ich das Zeug vom Moschi wahnsinnig gut vertrag. Da kann ich nachher sogar noch arbeiten. Bei dem anderen Scheiß wird mir immer schlecht."
"Fein. Also waren Sie halbwegs klar im Kopf?"
"Natürlich, ich bin ja kein Wimmerl. Ich vertrag schon was."
"Gut, also was haben Sie beobachtet?"
"Naja, also ich bin ja kommen, wie die erste Runde bei der Stein schon vorbei war. Ich hab grad noch gesehen, wie sie kommen ist. Dann ist sie raus aus dem Schlafzimmer. Na, und nach der ersten Runde mit dem Moschi bin ich aufs Klo, weil er mich unbedingt ..."
"Sie sind also aufs Klo? Und was haben Sie gesehen?"
"Naja, also der Vorhang war halb zu, aber die Stein ist am Bett gelegen und die Hände waren an den Rost gefesselt. Sie hat sehr geil ausgeschaut. Und sie dürft irgendwas gesagt haben, was den anderen aufgegeilt hat."
"Aus was schließen Sie das? Und warum ,den'?"
"Naja, also weil dann so ein Typ im Anzug ihr auch noch die Füße angebunden hat. Und die Stein dabei gelacht hat. Und mit der Fut herumgewackelt hat. War eine geile Nummer."
"Also Sie haben einen Mann gesehen?"
"Naja, also .. so genau nicht."
"He Mädel, was war das für ein Typ? Groß? Klein? Alt? Jung? Dick? Dünn?"
Jasmin strengte sich offensichtlich an, sich zu erinnern. Sie hob den Kater hoch und kraulte ihn, doch der wollte wieder zu Phillip, der ihn nicht beachtete, sondern gespannt auf Jasmins Antwort wartete.
"Gell, Pipsi-Maus, der gefallt dir, der Herr Inspektor. Denn täten wir uns beide ins Bett nehmen, gell? - Wenn's einmal ... was brauchen, gell, dann rufen'S mich doch einfach an. Pipsi mag nicht einen jeden."
"Danke fürs Angebot, aber jetzt bräuchten wir einmal eine Beschreibung."
"Ja, eh, aber der Vorhang war eben halb zu und ..."
"Und das Kraut war stark?!"
"Es war mir halt nicht so wichtig. Kann ich wissen, dass ich da gerade den Mörder seh'?!"
"Woher wollen Sie wissen, dass es der Mörder war?"
"Naja, also weil sonst täten Sie ja nicht so nachfragen. Und außerdem ... hab' ich da ein Besteck liegen gesehen."
"Was für ein Besteck?"
"Na, so eines für eine Sado-Nummer. Skalpell und so was. Normalerweise schreckt man mit so was nur. Und normalerweise sind die Dinger auch nicht wirklich scharf. Aber vielleicht waren's die?"
"Sie waren es."
"Scheiße."
Maria sah in Jasmins Blick ehrliche Betroffenheit. Wahrscheinlich hatte sie die Stein gemocht. Und wahrscheinlich dachte sie daran, dass auch ihr einmal so ein Betriebsunfall passieren könnte.
|