"Verdammt, Sie haben sie gestern Abend noch gesehen, Sie waren bei ihr, und zwar genau zwischen dem Ende von ,Akte X' und dem Ende von der ,ZiB 2', also gut fünfunddreißig Minuten. Das wissen wir. Dank Frau Klug. Das wissen wir sicher."
Dornhelm starrte ihn an, als wäre Phillip von allen guten Geistern verlassen. Dann suchte er die Bestätigung in Marias Augen - und erhielt sie. Er wurde der Inbegriff von Fassungslosigkeit, und sein Gehirn begann zu arbeiten.
"Hören Sie, ich weiß nur, dass ich um viertelsieben, nachdem wir telefoniert hatten, begonnen habe, den Rotwein auszutrinken, den wir am Vorabend aufgemacht hatten. Es war schlimm. Es wurde mit jedem Mal schlimmer ... je mehr ich sie liebte. Am Anfang unserer Beziehung hatte ich mit ... ihren Ausflügen überhaupt kein Problem. Jeder Mensch ist frei. Und Beziehungen können nur Abkommen sein. Man kann niemanden zu nichts zwingen. Auch nicht zur Treue. Und auf ihre Art war sie mir ja treu."
"Der Scheiß hat schon in den Siebzigern nicht funktioniert."
"Es kommt auf die Menschen an, ob dieser ,Scheiß' funktioniert, Herr Roth."
"Das sieht man ja bei Ihnen. Zuerst haben Sie sich angesoffen, und dann haben Sie sie umgebracht, anstatt sie zum Teufel zu schicken. Aber wahrscheinlich waren auch gekränkte Ehre und der Zusammenbruch ihrer Traumwelt daran schuld. Sie können ja nicht wie ein normaler Mann eine Stinkwut empfinden, Sie müssen ja wie ein abhängiges Baby lamentieren. Und weil Sie doch noch irgendwo so was wie Stolz haben, drehen Sie durch und schlachten sie ab."
"Ich dachte, sie ist erstickt?!"
"Herr Roth hat das nur bildlich gemeint."
"Sie verheimlichen mir etwas. Wie ist Babe gestorben?"
"Herr Dornhelm, darüber reden wir später. Jetzt beantworten Sie unserer Frage. Warum haben Sie uns nicht gesagt, dass Sie gestern Abend noch bei ihr waren?"
"Wie? Sagen Sie mir, verdammt noch einmal, wie?"
"Warum?"
"Verdammt, weil ich mich nicht daran erinnern kann."
"Hoho, der Mann kann ja auch fluchen."
"Herr Roth, ich weiß, dass Sie mich nicht mögen. Aber wenn Sie es sich noch so sehr wünschen, ich habe meine Frau nicht umgebracht."
"Sie waren doch noch gar nicht verheiratet. Oder wissen wir schon wieder irgendetwas nicht."
"Babe war für mich meine Frau vom ersten Augenblick an, von dem Moment an, in dem ich sie sah."
Schon wieder dieser filmreife Kitsch. Maria fühlte nicht nur Unbehagen, sondern auch Neid. Sie hatte immer die knochentrockenen, phantasielosen Männer an Land gezogen. Karl hatte ihr zum ersten Rendezvous Rosen geschenkt, danach nie wieder, keine einzige Blume - nein, stimmt nicht, einmal hatte er ihr zum Geburtstag Nelken geschenkt, ausgerechnet, denn die konnte sie nicht leiden. Aber er hatte ihr auch nie zugehört. Maria schreckte aus ihren Gedanken hoch, denn Phillip schlug mit der Faust auf das Fensterkreuz. Er war sicher auch so ein Typ, der Blumen für einen sentimentalen Scheiß hielt.
"Wir sind irrsinnig beeindruckt. Aber trotzdem waren Sie bei ihr, in der Mordnacht. Traurig, wenn Sie sich nicht mehr erinnern können."
"Ich sagte Ihnen doch, dass ich getrunken habe."
"Versuchen Sie's jetzt auf die ,Nicht-zurechnungsfähig'-Masche?"
"Nein, Herrgott, ich versuche ja, mich zu erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich bei den Nachrichten die zweite ... naja eigentlich die dritte Falsche Wein aufgemacht habe. Dann habe ich wahnsinnigen Hunger bekommen, ja richtig ... und dann, dann habe ich im Kühlschrank nichts gefunden ... nur ... mein Gott, ja richtig, eine Dose Cola-Whiskey. Ja, richtig, die habe ich dazwischen getrunken, deswegen bin ich ja erst auf die Idee gekommen, den Whiskey aufzumachen, und dann ..."
"Dann? Herr Dornhelm, was passierte dann?"
"Sie haben in der Kultur einen Ausschnitt vom neuen Programm gebracht."
"Und?"
"Wollten Sie nicht Kaffee? Ich mache Ihnen einen Espresso, Filter habe ich keine."
"Herr Dornhelm, was passierte dann?"
"Ich war traurig."
"Er war traurig!"
"Und wütend."
"Ja, Herr Dornhelm?"
Dornhelm ging weiter Richtung Küche, blieb stehen, drehte sich mit gesenktem Kopf um, dann wieder zurück, und wieder retour - es sah für Maria beinahe wie der Beginn eines Tanzes aus. Dann blieb er regungslos mit abgewandtem Gesicht stehen, ein Bein vor dem anderen, in Anspannung wie ein Standbild aus dem alten Griechenland.
"Herr Dornhelm, was geschah dann?"
Langsam wandte er sich zu Maria um, lächelte unsicher, wachelte hilflos mit den Händen und bekam den Anflug von Röte im Gesicht.
"Dann ... habe ich mich abreagiert ..."
"Indem Sie zu ihr gefahren sind und sie umgebracht haben."
"Herr Roth, genau das könnte ich nie. Ich konnte nie zuschlagen, nicht einmal jemanden anbrüllen. Schon als Kind nicht. Ich war immer eher ein Einzelgänger ... und auch der, an dem die anderen immer ihre Wut ausgelebt haben, ich war sozusagen der ..."
"... Deschek ..."
"Ja, der Deschek der Klasse, wie es Herr Roth so prägnant formuliert. Naja, und so habe ich ... nachdem ich vor zwei Jahren eine beginnende Gastritis hatte ... einen Kurs besucht. ,Zeige Deine Emotionen'."
"Wunderbar. Und?"
"Naja, dort haben wir dann so Sachen gemacht wie lachen üben, weinen üben, und eben auch Aggression zeigen. Wir haben gelernt, Menschen, auf die wir ... nicht gut zu sprechen sind, unsere Aggression verbal zu vermitteln. Und wenn wir zuviel Aggression in uns haben sollten, sollten wir, wie damals bei der Übung, auf Polster einschlagen."
"Sie sollten was?"
"Die Übungsannahme ist, dass der Mensch, dem wir böse sind, ein Polster ist, und auf den schlagen wir dann ein."
"Das gibt's ja nicht!"
Phillip wandte sich mit einem künstlichen Lachkrampf zum Fenster.
"Und die Polster schreien dann ,Aua!' oder was?"
"Ich weiß, dass das in Ihren Ohren lächerlich klingt. Aber es hat geholfen. Ich bin viel ausgeglichener seitdem."
Maria konnte sich auch kaum ein Grinsen verkneifen, zugleich klingelte aber etwas in ihr. ,Emotionen zeigen' war auch etwas, was sie nicht konnte. Vielleicht würde ihr so ein Kurs auch helfen und - nein, das konnte sie nicht machen. Wenn die Kollegen das spitz bekamen, war sie die Lachnummer in der ganzen Abteilung. Aber vielleicht konnte sie so einen Kurs unter falschem Namen - Maria stoppte sich.
"Und gestern Abend haben Sie sich vorgestellt, dass der Polster Frau Stein ist?"
"Ja, ich habe geschrien und auf sie eingeschlagen, und dann ... habe ... ich einen Weinkrampf bekommen."
"Der Kurs war anscheinend erfolgreich auf der ganzen Länge."
"Herr Roth, Ihr Zynismus sagt mir, dass Ihr emotionaler Haushalt auch nicht ausgewogen ist. Vielleicht täte Ihnen ..."
"Mit mir ist alles in Ordnung, Sie Klugscheißer."
"Entschuldigen Sie, das geht mich natürlich nichts an. Ja, also ... also ich habe auch weinen gelernt. Ich muss zugeben, dass ich momentan ein bisschen leicht weine ..."
"Ha, ein bisschen!"
" ... das haben Sie beide ja sicher schon bemerkt."
"Wie auch immer Herr Dornhelm, was geschah dann?"
Dornhelm dachte nach, sichtlich angestrengt und bemüht. Ein Stoßseufzer, ein Ausatmer, ein ratloser Blick zu Maria.
"Dann ... weiß ich nichts mehr. Irgendwann während des Weinkrampfes hat es Klick gemacht."
"Das heißt, Sie können sich auch nicht an Ihren Besuch bei Frau Stein erinnern?"
"Da ist nur so ein verschwommenes Bild von ... einem ... Geschlechtsakt. Aber das könnte auch ein Traum sein. - War es aber nicht, habe ich recht?"
Maria zündete sich eine Zigarette an und qualmte besonders stark. Sie wollte nicht, dass Dornhelm ihre Augen sah, denn dann würde er darin lesen, dass sie ihn für unschuldig hielt.
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