Maria setzte sich neben Phillip, Laimgruber stand wie ein Angeklagter vor ihnen - was ihm offensichtlich nicht passte. Er zog eine niedere, regennasse Plastiktonne heran und wischte sie ab.
"Des mit Brünn - des is a Spaß. Unter Männer. Oba eben nur unta Männer. Unsere Frauen wissen'S wahrscheinlich eh, deppert san'S ja net, die meisten net zumindest, oba es redt kana drüber. Und irgendwie - im Fernsehen sagen's imma, dass des schlecht is, weil wir nur protzen und sie ausbeuten, sagen de im Fernsehen. Und deswegen woll ma net, dass des so breittreten wird, weil - jetzt schaun'S mi net so an, Frau Kommissar, die Weiber do drüben, di mochen des gern. Di san ganz gampig. Echt. Sonst tät's mir jo kan Spaß machen. Des merkt a Mann schon, ob's ana an Spaß macht oder net. Lauter Hausfrauen, di si halt a bissel was dazuaverdienan. Oba geile Hasn. Is jetzt eh aus, wenn's bei der EU san, i man, net so schnell, oba bald. Und was isn schon dabei, a Mann braucht a bissel sein Spaß, oder net, Herr Kommissar? Wir san ja alles nur Männer. Hab i net Recht? - Wir haben unseren Spaß, und die haben a bissel a Geld. Und a an Spaß. Eigentlich geht's denen besser als uns."
Laimgruber ließ ein schnaufendes Lachen vernehmen. Doch sein Blick strafte seine versuchte Sicherheit Lüge. Das Fernsehen hatte also doch etwas bewirkt in ihm - auch wenn er noch nicht ganz durchhirnte, was es war, was ihm ein schlechtes Gefühl geben sollte.
"Herr Laimgruber, ich verstehe Sie also richtig, wenn ich resümiere, dass einige Männer von Mauerbach regelmäßig nach Brünn ins Puff oder zu sonstigen käuflichen Damen fahren?"
"So, wie Sie des sagen, klingt des - aber Ja, so kann man des sagen. Aber net nur von Mauerbach, i kenn do a welche von Hollabrunn, und von Mistelbach, und natürlich von Wien, des is, kann man sogn, a Österreicher-Treffen, und Piefke kuman a immer mehr, aber di san ja vü in Polen ..."
"Ja, ja, Herr Laimgruber. Also Sie waren dabei und auch der Hartleben?"
"Ja, so kann man des sagen."
"Das heißt also, seine Fahrten ins Kloster waren das genaue Gegenteil?"
Wieder das schnaufende Lachen.
"Naja, entspannt hat er si schon. Des tan ma ja alle."
Laimgrubers offener, belustigter Blick wurde unruhig, als er sich mit Marias geradem Blick traf.
"Naja, i eh net so oft. Di haben mi ja a braucht wegan Dolmetschen, weu mei Mutter, di war a Tschechin - und ja, so war des."
Phillip schnippte die Zigarette in Richtung von Laimgruber.
"Okay, Laimgruber, ihr wollt's also net, dass die Presse weiß, dass ihr tschechische Weiber fickts. Aber du hast gesagt, nur die anderen wollen das nicht, weil sie glauben, dass der Mord am Hartleben damit zu tun hat. Du glaubst das also nicht. Was aber glaubst du?"
"Und wieso glauben die anderen, dass es was mit Tschechien zu tun hat?"
Laimgruber schaute sie an. Inzwischen war er ebenfalls mit seiner Zigarette fertig und schickte einen sehnsüchtigen Blick zu Marias Packung. Die Glimmstengel sollten echt endlich einmal beim Fiskus als Unkosten eingestuft werden können. Als betriebliche Ausgaben. Mit Bedauern, weil nur mehr drei Stück in der Packung waren, reichte Maria Laimgruber noch eine. Phillip zündete sie ihm an. Laimgruber versenkte sich in den Rauch.
"Wissen'S, eigentlich hob i ja aufghört."
Phillip stand auf und streckte sich.
"Sehr spannend."
Er ging hinter die Palette und stützte sich auf - womit er Laimgrubers Angeklagtenposition wieder verstärkte. Sie sahen den Beichtenden nur an. Der senkte den Kopf und stierte auf einen Kieselstein.
"Naja, ihr wisstsas eh schon, der Gottl war ana, der war ana, na, der war ana, dem is halt manchmal ane auskuma. Net schlimm - wobei, meins is ja net - oba net schlimm, amoi a Tetschn oder so - ja, und amoi, net lang her, do is eahrm ane in Brünn bled angangn, und er hots dann bled dawischt, und die hat dann a blaues Aug ghabt. Und die war eahm gar net bös, oba ihr Havara, na net, des war sogar ihr Mann, deswegen war ja di Gschicht so bled, auf jeden Fall, der is narrisch wurdn und hat dem Bulldozer-Gottl droht, dass er eahm hamdraht und so."
Maria mochte den Laimgruber irgendwie. Er war kein Böser, da war sie sich sicher. Nur ein bisschen uninformiert. Und ein bisschen die Strukturen nicht hinterfragend. Und sie argumentierte jetzt wie eine äußerst wohlmeinende Psychologin. Vergiss es! Waren nicht alle Männer im Grunde ihres Herzens so? Das gute Benehmen - was hieß respektvoll, auch beim größten Sau Herauslassen - war das nicht alles bloß Firniss? Weil sie wussten, dass sie bei den von ihnen begehrten Frauen sonst keinen Auftrag hätten? Ging es ihnen allen nicht viel mehr die ganze Zeit um Konsum und Erniedrigung? - Kacke, welche Emanzen aus ihrem tiefsten Inneren hatten sich da wieder zu Wort gemeldet? Hatte sie nicht auch schon Sex ,konsumiert'? Damals im Club? Warum empfand sie das so anders als das, was ihr da jetzt der Laimgruber erzählte? Sie musste das mit Elsa besprechen. Irgendwo war da ein Haken. Und außerdem - Emotionen hatten bei einer Befragung nichts zu suchen.
"Und Sie, Herr Laimgruber, glauben, dass das nicht relevant ist?"
"Na geh, sicher net, a Typ, der sei Frau aufn Strich schickt, der regt si do net wegen an blauen Aug auf. No dazua, wo sie eahm die ganze Zeit beruhigen wollt. Wahrscheinlich hat er ihr dann selba ans ghaut, weil's so bled war und net aufpasst hat. Is ja nur - verzeihen'S ma, Frau Kommissarin - is ja nur Wertminderung. Oba des war's a schon. Di denken da anders, da drüben."
Phillip stieß sich wieder ab und ging zurück auf seinen Platz, um sich wieder niederzusetzen.
"Na, Laimgruber, ich glaub', nicht nur da drüben."
Hört, hört! Für solche Aussagen liebte Maria Phillip, auch wenn sie noch immer nicht ganz kapierte, wie er wirklich tickte. Einmal so, einmal so. Und er auch ließ nichts raus aus seiner Vergangenheit. Vater Zahnarzt und abgehauen, alleine geblieben mit Mutter und Schwester, geschädigt von zwölf Jahren katholischem Internat. Das war zu wenig. Sie musste Oliver wieder treffen. Er war ihre einzige Quelle. - Oh, nicht schon wieder. Phillip war in Klara verliebt. Wann würde sie das endlich kapieren? Jetzt zündetet sie sich wieder eine Zigarette an.
"Gut, Jiri, gibt's Namen in Brünn?"
"Naja, i was nua, wi die Schicksn hast, des wor di Marilyn, bei der war ma a paar Mal, wia ihr Mann hast, was i net."
Marilyn - wahrscheinlich blond gefärbt mit Silikonbusen. Das war wahre Berühmtheit, dass der Name alleine schon eine Illusion zaubern konnte, mit der man Geld machen konnte.
"Gut, Jiri, wir werden uns das trotzdem anschauen. Aber was ist es dann, was Ihnen Sorgen macht, wenn es nicht der tschechische Ehemann ist?"
"Naja, die Narrische."
"Welche Narrische?"
"Na, die von dem Verein, wo a da Gottl war, di, na, wie heißn die jetzt, di ..."
"Welcher Verein?"
"Na, so a Katholischer. Wissen'S eh, so ana von der Hardcore-Abteilung."
"Legio Virginae?"
"Na, die anderen. Di - ja, die Lex trinitatis"
"Und was für eine Narrische?"
"Ich weiß es net. I was es wirklich net. I was net, wia sie hast. Da Gottl hat ma nur derzöhlt, dass da irgendeine draufkuma is, dass er a mit andere Weiber - Frauen - zugange is. Und dass er es ganz gern ganz heftig mog. Und si - die Gurken - is eahm angongan, dass des net christlich is und so. - Is es ja a net. Aber mein Gott, wir san ja alle nur Menschen, nicht wahr?"
Maria schielte zu Phillip, der genauso ratlos wie sie selbst zu sein schien. Was hatte eine Kirchenfanatikerin mit dem Mord zu tun?
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