Maria gab ihrer Neugierde nach.
"Und? Was willst du bereden?"
"Hmh. - Wir sind Freunde."
Die Feststellung klang mehr nach einer Frage.
"Ja, natürlich. Wie oft willst du denn das noch hören?"
"Okay. Ja, also - die sagen sich doch alles, oder?"
"Kollege Roth. Was ist los? - Na, komm, frag schon, was willst du wissen?"
Und in dem Moment, in dem es Maria ausgesprochen hatte, bereute sie es. Weil sie wusste, dass er wissen wollte ...
"Du hast auch kurz geschlafen - hast du gesagt."
"Ja."
Pause.
"Wegen Oliver?"
Nein, das durfte wirklich nicht wahr sein. Gut, mein Junge, also dann.
"Wie kommst du darauf?"
"He, verarsch mich nicht. Er wollte dir den Pullover - und ich kenne Olli - und er ist - also die Sache mit Klara - habt ihr euch getroffen?"
"Ja, natürlich haben wir uns getroffen. Er hat ja meinen Pullover gehabt. - Und den hat er mir zurückgegeben."
Phillip spießte ein Kügelchen der Preiselbeermarmelade auf.
"Davor oder - danach?"
Nun war es an Maria, das Innere ihres Käses ausgiebigst zu erforschen. Um natürlich sogleich wieder mit einem nonchalanten Lächeln aus der Barrikade aufzutauchen. Mildes Lächeln.
"Phillip. Was willst du jetzt? Hmh?"
Phillip sah sie an. Oh mein Gott. Warum nicht immer so? Es war so - so intensiv. Sie spürte, wie das Gefühl der letzten Monate, dieses Gefühl, das sie für eine Verirrung gehalten hatte, wieder ganz stark ihren Brustbereich in Besitz nahm. Und seine Augen wurden immer tiefer. Immer tiefer.
"Wir sind doch Freunde."
"Das haben wir schon geklärt."
"Gut. - Dann sollten wir uns alles sagen, oder nicht?"
"Warum?"
"Weil es - weil es wichtig ist. Weil es unsere Arbeit beeinflusst. Und weil der Freund, der Partner, immer wissen sollte, was im anderen vorgeht. Und weil Freunde aufeinander aufpassen."
Was war das? Ein Spiel? Wozu wollte er sie bringen? - Nein, nicht mit ihr.
"Gut, mein Freund" - sie belegte das Wort bewusst mit einem unbestimmbaren Beigeschmack - "was willst du mir erzählen?"
Phillips Interesse an der Marmelade flammte neu auf.
"Also, hast du - ich meine, wenn du - also mit Olli - naja, das ist so - shit - hast du jetzt mit ihm gefickt oder nicht?"
"Ich wüsste nicht, was dich das angeht. Frag' ich dich, ob du mit Klara Erinnerungen aufgefrischt hast?"
Eine Preiselbeere auf der Spitze der Gabel. Ruckartig stieß sie Phillip in den Käse.
"Ja, habe ich."
Kauen. Intensiver Blick. Plötzlich das Summen der Klimaanlage in Marias Ohr. Plötzlich die Stimmen vom Nachbartisch, die sich wegen des Feuers ereiferten, in ihrem Hirn. Plötzlich Sodbrennen und der unangenehme Restgeschmack des Essens in Marias Wahrscheinlich zu fettes Essen. Und plötzlich ein Bild von endlos langen Beinen, die sich um Phillips Gesäß schlangen, von ruckartigen Bewegungen, von keuchenden Mündern ...
"Und warum erzählst du mir das jetzt?"
Noch immer der konzentrierte Blick.
"Du hast gesagt, wir sind Freunde."
Maria nahm ihre Nägel als das wahr, das sie eigentlich waren - Krallen. Um solche Gesichter von solchen Menschen zu zerkratzen. Nein, das durfte nicht sein. Es konnte nicht sein. Es war doch nur eine Sentimentalität.
"Ja, schon - ich mein', okay. Du willst also drüber quatschen. Bist du dir nicht sicher, ob es richtig war?"
Phillip warf das Besteck auf den Teller, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich weit zurück.
"Nei-ei-ei-ein. Alles klar. War goldrichtig, die Sache. Ich will es verdammt noch mal nur jemanden erzählen. Und" - bubenhaftes Grinsen - "Oliver scheidet ja wohl aus. - Es war so irre ..."
Nun hatte er einen Ausdruck im Gesicht, den zu sehen es Maria nur einmal ahnungsweise vergönnt war - damals im Club. Ein zufriedener Kater, den vor lauter Energie nichts erschüttern kann.
"Gratuliere."
"Du bist verklemmt."
"Bin ich nicht."
"Bist du doch, weil ein Kumpel würde jetzt fragen, wie's war. - Oder bist du doch eifersüchtig?"
"Weder noch. Also - wie war's?"
"Es war so irre ..."
"Das hatten wir schon mal."
"Diese Frau, die hat Titten - solche Mördergeräte, und alles echt. Und der Hintern! Und beweglich ist sie. Stell dir vor, die bringt die Füß' bis hinter den Kopf."
"Okay, das ist so aufregend, da muss ich vorher pinkeln gehen."
Maria schob den Stuhl zurück und krachte mit ihrer Nachbarin zusammen, die ebenfalls gerade aufstand. Unter gegenseitigen Entschuldigungen kämpften sie sich beide zur Toilette vor. Maria sah das Waschbecken und übergab sich. Vor ihren tränennassen Augen tauchte ein Papierhandtuch auf.
"Na, san'S schwanger?"
Maria schüttelte den Kopf. Sie lehnte sich ans Waschbecken, das ihr genauso Halt verweigernd wie der Rest der Welt erschien. Und die Übelkeit war auch noch immer da. War das eben alles wirklich passiert? Hatte ihr Phillip ins Gesicht geschwärmt, wie geil es war, mit Klara zu ficken? Was wollte er? Sie erniedrigen? ,Du bist ja keine richtige Frau, hör dir mal an, wer wirklich eine ist.' Oder war es ein wirklich ernst gemeinter Gunstbeweis? War es irgendein Spiel, das sie noch nicht verstand? - Nein, nein, so nicht. Die Regeln hatte sie jetzt verstanden. Gut, wenn er das wollte, dann konnte er es so haben. Die Frau war inzwischen mit ihrem Geschäft fertig und zupfte an ihrer Frisur herum. Warum ging sie nicht endlich? Maria musste sich auf den Kampf vorbereiten. Ein Schwall Wasser ins Gesicht - das wurde ja anscheinend langsam zur Gewohnheit. Sie sollte wirklich auf Urlaub gehen. Noch ein Schwall. Wieder ein Papierhandtuch.
"Sie san aber nicht von da, gell? Schaun Sie sich a Haus an?"
"Nein, wir sind da nur - so."
"Ah, Sie san von der Polizei. Wegem dem Hartleben, gell? Warts bei der Fröhlich, gell? Hab Ihr Auto gesehn. - Ja? Na, die Arme, jetzt hatsas nicht mehr derlebt, dass er's heirat. - Na, so schrecklich. So schrecklich. Und der Hartleben, der Arme - na, wirklich, wer kann denn so an Hass habn? Na, alan die Vurstellung, na, so furchtbar - do im Feuer - und jetzt die Fröhlich, so alan. Die arme Seel. Oba der Hartleben wollt halt sei Frau net - des wissen'S schon, oder?"
Maria nickte mitfühlend.
"Ja, der wollts nimma - oba scheiden, na, scheidn lassn wollt er si net, er is - war halt so a gläubiger Mann. Und dabei - i mein, nur unter uns - sie hat ja wirklich alles probiert. A Kind wollt's von eahrm haben, aber des hat's verloren. - Wobei, ich denk ma, is wahrscheinlich eh besser so, weil - na, i frag mi, was di an eahrm gefunden hat - na, den hätt' ich net amoi gschenkt haben wolln."
"Wieso denn net?"
Die Frau ließ geziert ihre Mimik spielen, war aber in Wahrheit nicht zu bremsen, sondern vielmehr froh über Marias Gegenfrage.
"Na, des war a so a Herrischer, wissen's eh, so ana, dem a amoi die Hand auskumt. Ab und zua. Und -"
Die Frau beugte sich ganz nah zu Maria.
"Und man munkelt - also i glaub's ja net - oba man munkelt, dass er net ganz unschuldig war, dass die Fröhlich - also dass sie des Kind - nimma hat."
"Nein?!"
Die Frau nickte ernsthaft und lehnt sich dann mit geschlossenen Armen zurück.
"Des glaub i eh, dass Sie Ihna des net derzählt hat. Da red' ja kane gern drüber. Und die Frauen, di sollten das endlich machen! Ja, wie soll si denn sunst was ändern? Die Kriechbaum, die da oben wohnt, wissen'S eh, di red ja a nix."
"Die a?"
"Ja. Na, meiner hätt des amoi probiern solln, dem hätt i zagt, wo der Herrgott daham ist. Geht's Ihna wieder besser? San'S sicha, dass net schwanger san?"
Mit der Erwähnung der Übelkeit kam dieselbe auch sofort wieder zurück. Und mit ihr die Wut. Ja, da draußen saß ja noch jemand, der auf eine Antwort wartete.
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