Leseprobe


  Mein lieber Louboutin, du drängst dich immer vor. Blitz mich nicht so samtig an. Ja, deine Quasten sind der Wahnsinn, schwarze Geilheit pur, aber wir müssen echt einmal dringend eine Pause voneinander machen... du brauchst auch nicht deine Roten leuchten lassen, heute habe ich einfach keinen Bock auf dich. Aber Rot … Rot wäre natürlich wieder einmal gut … was haben wir denn da … na, wie wäre es mit uns, Westwood? Nein, wenn ich’s mir genau überlege, liebe Vivien, deine Masche hängt heute total langweilig in der Gegend herum … Evins. Oh. Mein. Gott.
  Fred streckt die Zungenspitze zwischen die Lippen und beugt seinen Kopf Millimeter um Millimeter zu einem Knoten aus Perlen, geschnürt aus vier Strängen. Er schiebt die Zunge noch weiter aus dem Mund. Sie zittert. Er nähert sich mit der Zungenspitze dem Knoten, stoppt eine Ahnung breit vor der ersten Perle.
  Fred stellt sich wieder aufrecht hin und deutet mit dem Zeigefinger auf die hochhackige Sandale. Ja, ja, ich liebe dich, das weißt du, aber ich muss dich schonen. Deine Perlenschnüre lockern sich. Und ich kenne niemanden, der dich mit dem nötigen Respekt heilen würde. Wir sehen einander nur an, okay? Wobei … ich hab dir das noch nie gesagt … manchmal, wenn ich in einem Hotelbett liege und keinen von euch dabei habe, dann stelle ich mir dich vor. Und es kommt mir. Mit voller Wucht. Immer wieder. Noch nach all den Jahren, die wir jetzt schon zusammen sind. Wie soll ich sagen? Es ist das Wissen … das Wissen, dass Grace Kelly sich in dir gerieben hat. Das ist nicht unwesentlich, es ist ein zusätzlicher Kick, weswegen du auch auf die Entfernung funktionierst, verstehst du? Ach …
  Fred schließt die Augen. Du bist mein …
  Fred öffnet die Augen und fährt mit dem rechten Zeigefinger in Millimeterabstand die Kontur des Perlenriemchens ab. Sei nicht bös, ich versuch mich zu beherrschen, dich nicht allzu oft zu … gebrauchen. Sonst verlierst du vielleicht noch dein … gewisses … nein, das geht nicht.
  Fred lächelt und schickt der Sandale eine Kusshand.

[...]

  Sichtbar wird eine Frau Ende dreißig, extrem schlank. Sie hat hohe Wangenknochen, eine außerordentlich lange Nase, einen überbreiten, waldbeerrot geschminkten Mund, der einen Vorderbiss präsentiert, und Schlupflider, von einer Mouskouri-Brille mit offensichtlich starken Gläsern aufgebläht. Sie trägt einen schulterlangen, aschblonden Pagenkopf mit extrem kurzem Pony.
  »Hi. Ich bin die Neue von Gegenüber.« Der Mund der Frau ist nun über die ganze Gesichtsbreite geöffnet. »Ich wollte nur fragen …«
  Die Frau kann sich noch so stylen, sie wird hässlich bleiben. Auch wenn sie das Beste aus ihrem Manko gemacht hat.
  »… ob Sie vielleicht einen Hammer hätten. Es ist zwar alles …«
  Freds Blick wandert nach unten. Die Frau trägt ein hochgeschlossenes, extrem kurzes Minikleid, blickdichte Strümpfe oder Leggings und …
  »… von den Handwerkern gemacht worden. Aber die schlampen ja immer. Wissen’S eh, wie das ist. Und ich müsste da jetzt …«
  Das darf doch nicht wahr sein. Ich glaub’s nicht. Das darf doch nicht wahr sein! Ihr müsst nachgemacht sein. Ihr könnt keine … seid ihr echt? Verdammt, seid ihr echt? Herr Gott noch mal, redet mit mir! Sagt euren Namen, na, kommt schon …
  »Is was?«
  Die Frau betrachtet ihre Stiefel. Sie sind fliederfarben. Der Schuh ist ein Pump mit einer Schnalle von einem Zentimeter Breite am Ausschnittrand und einem zwölf Zentimeter hohen Absatz, der sich in der Mitte verjüngt. Er ist aus Leder gemacht, der Schaft aus Satin. Er umschlingt das Bein wie eine zweite Haut.
  Die Frau beugt sich weit vor, um Fred von unten ins Gesicht zu sehen. »Stör ich?«
  Redet mit mir! Verdammte Scheiße noch einmal, redet mit mir!
  Fred löst seinen Blick von den Stiefeln und schaut der Frau ins Gesicht. Sie sieht wie ein Biber aus. So was ist doch heutzutage echt nicht mehr nötig, so was kann man doch herrichten lassen. Und Geld dafür scheint sie auch zu haben.
  »Ja … äh … nein … ich …« Fred deutet mit dem Kinn zu den Stiefeln. »Sagen Sie, sind das Cyd Jounys?«
  Die Frau stellt ihr rechtes Bein auf den Absatz und betrachtet die Stiefelspitze. »Keine Ahnung, hab sie vom Flohmarkt.« Sie streckt Fred die Hand hin. »Aber ich bin die Margret.« Fred ignoriert die Hand. Die Frau zieht sie zurück und reibt sie ein klein wenig mit der Linken. »Sie stehen auf Schuhe? Sind Sie Schuhmacher oder so was?«
  Ihr seid es. Ja, ich spür’s, ihr seid es. Und sie hat nicht die geringste Ahnung. Sie zertritt euch, macht euch fertig. Wirft euch irgendwann weg, und niemand kann mehr eure Schönheit bewundern. Wobei es an ein Wunder grenzt, dass ihr noch so gut ausschaut. Mein Gott, vom Flohmarkt. Was müsst ihr alles mitgemacht haben! Und jetzt diese Person. Ich werd euch befreien. Ja, genau, ich werde euch befreien.
zurück ...