Der Blick der Verkäuferin, die gerade die Einkaufswagen aufreihte, schnellte zu ihr. Sie riss die Augen auf und deutete mit großer Geste in die Tiefen des Supermarktes. „Eh kloar, unsereins braucht ja kane Feiertag. Bitte, nur hereinspaziert, die gnä Frau. Komm ich halt wieder zwa Stundn zu spät zur Bescherung, san die Meinigen eh schon gwohnt. Ich bin ja nur a Hacklerin, so ane braucht ja net feiern.“
Hanni hob beide Handflächen. „Spekulatius. Ich brauch dringend Spekulatius. In allen anderen Filialen waren sie weg. Und ich … bin auch gleich wieder weg. Quasi schon nicht mehr da.“ Hanni deutete zu einem Mann mit Rundrücken und dunkelgrauem Mantel, der sehr langsam seinen Einkaufswagen zum hintersten Regal schob. „Noch vor dem Typen da hinten bin ich wieder draußen.“
„Ja, ja, die Ausreden kenn ma schon.“
Hanni lächelte und rannte durch das Drehkreuz. Gleich danach stoppte sie. Schokolade. Schnitten. Zuckerln. Kekse. Auf der gegenüberliegenden Seite Strudeln in allen Varianten, Topfengolatschen, Christstollen, Zimtschnecken. Keine Spekulatius. Hanni boxte gegen einen Sack mit einer Keksmischung. Er platzte auf, die Kekse rieselten auf den Boden. Hanni starrte auf ihre Armbanduhr und schob mit dem Fuß die Keksbruchstücke unters Regal. So ein Mist. Das Sortiment war ihre Hoffnung gewesen, denn die saisonalen Körbe mit den unzähligen Packungen Spekulatius waren sowieso immer leer geräumt. Aber vielleicht …
Sie seufzte und marschierte im Stechschritt zu den Körben, die in der Mitte des Supermarktes aufgestellt waren. Flauschige Weihnachtsmänner, tanzende Weihnachtsmänner, Engel in allen Varianten und Christbaumkugeln en masse. Über einem Korb befand sich ein Preisschild, das dem Kunden mitteilte, unter ihm seien die Spekulatius. Neben dem Korb stand der Mann mit dem Rundrücken. Er legte gerade eine Packung Spekulatius in seinen Wagen. Zu weiteren dreißig oder vierzig Packungen. Der Korb war leer. Hanni beugte sich darüber. Er war und blieb leer. Sie stöhnte unwillkürlich laut auf. Hielt sich die Hand vor den Mund.
Der Mann zupfte seinen grauen Mantel, der ziemlich zerschlissen war, zurecht und schob seinen Wagen weiter. Hanni stöhnte noch einmal auf, nun bewusst, gab dem Seufzer eine gewisse verzweifelte Höhe.
Der Mann reagierte nicht.
Hanni schickte ein „Oh nein, keine Spekulatius mehr“ in seinen Rücken.
Er schien nichts um sich herum mitzubekommen.
Hanni schloss die Augen. Der Nobelsupermarkt drei Häuserblocks weiter, der könnte noch geöffnet sein. Das hatte doch in einer der Werbesendungen gestanden, dass diese Kette an Heiligabend eine halbe Stunde später als alle anderen zusperrte. Da gab es nur zwei Probleme: Ihr heiß geliebter Sohn, der Spinner, war auf diese bestimmten Spekulatius von diesem bestimmten Discounter fixiert, und beim Nobelsupermarkt konnten sie theoretisch ebenfalls ausverkauft sein. Ein riskantes Unterfangen also, den Supermarkt zu wechseln.
Und dieser Mann da, der hatte so viele. Die konnte er doch nicht einmal mit einer hundertköpfigen Familie aufessen. Wobei er überhaupt nicht nach großer Familie aussah, eher nach Einzelgänger. Aber wer wusste schon. Trotzdem … eine Packung, eine einzige Packung würde er ihr doch überlassen können. Musste er ihr überlassen. Sonst würde Tobias die ganzen Feiertage kein Wort mit ihr reden. Und das zu Recht. Fünf Mal hatte sie ihn in den letzten vier Wochen versetzt.
Der Mann schob sich um die Regalecke.
Hanni ging ihm nach, stoppte an der Ecke. Es war aufdringlich. Beinah Mundraub. Hören Sie, Sie haben da so viele Packungen – es kann Ihnen doch nichts ausmachen, wenn Sie mir eine davon … Das war peinlich. Doch das lag nur an diesen scheiß Einbrechern. Den scheiß Taschendieben. Immer zu Weihnachten musste sie Extradienste schieben. Scheiß Emanzipation. Alleinerziehende Mutter von einem Vierzehnjährigen galt bei der Polizei einfach nicht mehr als Argument gegen einen Einsatz. Noch dazu, wenn die selten dämliche Mutter damit angab, wie selbständig der Sprössling schon war.
Hanni lugte um die Ecke. Der Mann hatte sich über die Fleischtheke gebeugt. Er konnte höchstens nach einem, nämlich genau einem einzigen Hühnerflügerl Ausschau halten, mehr passte nicht mehr in den Einkaufswagen. Es waren so viele Kekspackungen! Damit kam der Mann nicht nur bis Heiligdreikönig, sondern bis Ostern aus. Vielleicht war er zu erweichen, wenn sie ihn als Fan, als Spekulatius-Freak ansprach, der einem anderen Spekulatius-Freak das Leben rettete. Ja, das war es, sie musste an sein Mitgefühl appellieren. Und Tobias die Grippe andichten. Ein krankes Kind mit einem sehnlichen Wunsch erweichte immer die Herzen.
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