Leseprobe


  Xandl lugte über das Achtelglas hinweg in ihre Augen, in diese kobaltblauen Almseen, gerahmt von schwarzen langen Wimpern. Sie schaute zurück. Die gut vier Meter zwischen ihnen schrumpften auf eine Nasenlänge, die drei Heurigentische samt Gästen verwandelten sich in Miniaturen. Sein Herz klopfte gegen die Ohren.
  Sie schaute zurück.
  Das Leben hatte einen eigenartigen Humor. Da saß sie, seine Traumfrau. Seine Helena, die hoffentlich seine Baucis wurde und niemals seine Eurydike. Nachdem er schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, jemals sein Pendant zu finden. Nachdem ihm alles egal geworden war. Da saß sie, seine Chance. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Und sie bemerkte ihn. Verwandelte ihn in null Komma nichts von Xandl, dem Nihilisten, zurück in Alexander, den Idealisten. Ausgerechnet heute Abend.

  Der Mann mit den kurz geschorenen, schwarzen Kraushaaren betrachtet die Uhr am Turm der Stiftskirche, deren goldene Zeiger im Vormittagslicht glitzern, jene vom Juwelier darunter, schließlich auch noch die an seinem Handgelenk. Alle drei Zifferblätter zeigen zehn vor zehn an. „Wo bleibt der Sack?“
  Der Mann neben ihm blickt weiterhin ruhig die Mariahilfer Straße hinunter, wickelt seinen weißen, ausgedünnten Pferdeschwanz um den Zeigefinger. „Der hat a Bim versäumt.“
  Der Gekrauste zieht Schleim auf, spuckt ihn aus. „Der is hängnbliebn. Hat si versoffen.“
  Der Pferdeschwanz dreht sich langsam zu ihm, schaut dann wieder die Einkaufsstraße hinunter. „Hat er net. Sonst bring i eahm um.“
  „Des nutzt dann a nix mehr. Die Tschanz is vorbei.“
  Der Pferdeschwanz steckt nun seine Hände in die Jeanstaschen. „Der kann si gar net versoffen haben. Der Charlie sperrt um elfe.“
  Der Gekrauste schaut den anderen nur an, worauf der sich umdreht. „Na, na, der is net weiterzogn. So deppert is net amal er, der Herr Professor.“

  Er musste die zwei Trotteln loswerden. Er musste aufstehen, zu ihr gehen, sich bis dahin den genialsten Spruch, den je ein Mann zu einer Frau gesagt hatte, überlegen, er musste sie in ein Gespräch verwickeln, ihr klarmachen, dass er im Grunde nicht so abgehalftert war, wie er jetzt – mit seiner abgetragenen Leinenhose und den fettigen Haaren – sicherlich auf sie wirkte, er musste sie zum Lachen bringen, ihr vermitteln, dass sie die Eine war und sonst keine, ihr gestehen, dass sie seine Lebensretterin, seine Geliebte, seine Frau, seine Freundin und die Mutter seiner Kinder war.
  Er musste aus dem Deal mit den zwei Trotteln heraus.
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