Die zwei Bier knallten auf den Tisch. Gierig nahm die Schikaneder das große Glas und hielt es Maria entgegen.
"Auf einen erleuchtenden Abend."
"Wenn das so weitergeht, strahl' ich bald wie eine Glühbirne."
Die Schikaneder lachte - sie lachte! -, stieß gegen Marias Glas und machte einen tiefen Schluck.
"Das ist auch drei Jahre her. Budweiser. Was für eine Wohltat."
"Für was unterwerfen Sie sich den Regeln, wenn Sie sie dann doch brechen?"
"Tun wir das nicht alle? Das ist doch der Reiz an der Sache. Das Verbotene. Das Klettern in Nachbars Garten und das Stehlen der Kirschen."
"Sie sind bei den Zeugen Jehovas, um einen Kick zu kriegen, wenn Sie Bier trinken?"
Die Schikaneder studierte die Zigarette, indem sie sie waagrecht vor sich hinhielt und drehte.
"Brauchen Sie keine Regeln, Frau Kouba?"
"Brauchen! Was heißt schon ,brauchen'?"
"Aber Sie leben nach Regeln?"
Was wurde das jetzt? Eine Therapiestunde? Maria wollte von der Schikaneder doch nur Interna von den Lexanern erfahren, die jene bei ihrer telefonischen Anfrage zu kennen bestätigt hatte. Der Sitz war unbequem. Maria überschlug die Beine und saß nun seitlich zu Antonia Schikaneder.
"Sie leben zum Beispiel nach der Regel, nicht zu töten. Das ist die Grundlage für Ihren Beruf. Ihre Kollegen ahnden den Regelbruch des Diebstahls. Ich denke, mit Lügen werden sie alle die ganze Zeit konfrontiert sein, zu Ihrem Missfallen."
"Ja, aber das sind ja alles - ich meine, das ist doch klar, dass Töten schlecht ist."
"Warum? Bei den Azteken war ein Menschenopfer das höchste aller Dinge. Und das Faustrecht hat doch nur seine Gültigkeit verloren, weil es in unserer zivilisierten Welt für starke Kerle einfach zu wenig zu tun gibt. Das körperliche Faustrecht, meine ich natürlich. Denn das Wesen des Faustrechts, das besteht ja noch immer. Es wird jetzt hauptsächlich von den geistig Starken in Anspruch genommen. Da nennt man es dann Manipulation. Der es besser kann, der gewinnt. Und man kann nur hoffen, dass der- oder diejenige es gut mit denen meint, die er oder sie in der Hand hat. Denn der oder die stellt dann die Regeln auf, und Sie können sich sicher sein, Frau Kouba, dass die Regeln zu seinen oder ihren Gunsten gestaltet sind."
Maria schwirrte der Kopf. Das hatte sie nicht erwartet. Ganz und gar nicht erwartet. Wer war diese Frau? Maria setzte das Bierglas an, stellte es wieder ab. Ein Schwips war jetzt das letzte, was sie brauchte.
"Frau Schikaneder, was wollen Sie mir sagen?"
"Ich will Ihnen erklären, warum ich ein Bier trinke und eine Zigarette rauche. Oder dann auch eine zweite, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich zahl' Sie ihnen auch."
Maria winkte ab.
"Mag sein, dass ich ein bissel schwer von Begriff bin. Aber warum tun Sie jetzt, was Sie tun?"
Die Schikaneder brachte einen perfekten Rauchkringel zustande und lächelte seiner verschwimmenden Form sinnierend nach.
"Das hat etwas mit dem oberen Scheitellappenteil zu tun. - Einer Region im Gehirn."
"Ah ja, mit dem Scheitellappenteil."
"Ja, das Areal ist normalerweise das sogenannte ,Orientierungsfeld', für die Orientierung nach innen und außen und ursächlich mit dem Ich-Gefühl verbunden. Und bei meditativer Tätigkeit wird in eben jenem Bereich die Ich-Kontrolle außer Kraft gesetzt. Das Ich geht in der Gemeinschaft auf. Hat ein All-Gefühl. Und keine Angst mehr, weil es im Spirituellen aufgehoben ist. - Kurz gesagt."
Jetzt doch ein Schluck Bier. War schon egal, Maria verstand ohnehin nur Bahnhof.
"Wer sagt das?"
Was Gescheiteres fiel ihr nicht ein. Wie peinlich! Und dabei hielt sie sich für eine Polizistin, die es, wie wenige ihrer Kollegen, doch schaffte, etwas über den Tellerrand hinauszusehen. Andererseits, sie konnte nicht alles wissen. Das Mittelalter, als man mit einem einzigen Studium noch das ganze Wissen der Welt inhalieren konnte, war definitiv vorbei. Und die Schikaneder schien ihr ihre Unwissenheit auch gar nicht übel zu nehmen. Vielmehr lehnte sie sich leger mit einem Arm auf den Tisch, wodurch sie die Grandezza einer überragenden Dozentin erhielt.
"Neueste Forschungen. Egal. Wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen ein paar Unterlagen zukommen lassen. Viel interessanter ist, dass es das wissenschaftlich bestätigt, was ohnehin klar ist. Trance führt zu einer Loslösung des Ichs, entweder es geht auf in einer Gemeinschaft oder in einer spirituellen Erleuchtung. Und das ist das, was wir brauchen. Sehen Sie, ab dem Zeitpunkt, an dem wir uns als Ich erkennen, bekommen wir Angst um uns, weil wir genau eine Frage nicht klären können: Was passiert mit uns nach dem Tod? Und diese Angst ist so allmächtig, dass wir irgendwas brauchen, was uns Hoffnung verleiht. Also glauben wir an Gott. Und damit uns nicht unsere Ratio in die Quere kommt, brauchen wir etwas, was unseren Glauben stärkt. Und das sind Märchen, Mythen und Rituale. Denn mit jedem Ritual scheint sich der Mythos zu bestätigen. Und bei jedem Ritual erliegen wir, natürlich nur, wenn wir wollen, einer Massenhypnose. Was dem Auflösung des Ichs entgegenkommt. Sie sehen, Frau Kouba, eine ganz sichere Angelegenheit. Die anderen glauben es auch, man hat es gemeinsam erlebt, also wird es schon stimmen. Und damit auch das, was man sich für nach dem Tod erhofft. Egal, ob man jetzt an der Seite Gottes sitzt oder sich in nichts auflöst."
Noch ein Schluck.
"Ich verstehe nicht, warum die Auflösung des Ichs so wichtig ist."
"Weil es das ist, was uns zweifeln lässt. Sehen Sie, es gibt die Theorie, dass sich unser Ich aus all unseren Erinnerung zusammensetzt. Und diese Erinnerungen machen uns immer lebensfähiger und schneller und besser - oder eben auch nicht. Kommt auf die Erinnerungen an. Bei jeder Situation greifen wir unbewusst auf unser Repertoire des Erlebten zu, und wenn nichts Identisches vorhanden ist, so doch etwas Vergleichbares. Wir finden Lösungen. Nur genau bei dieser Frage nach dem Tod steigen wir aus. Weil wir eben keinen Anknüpfungspunkt haben. Und da läuft die Maschine heiß. Wir bekommen Panik. Ist doch besser, man ist in dieser Angst nicht alleine. Und es ist auch besser, in der Gemeinschaft aufzugehen, um in der Spiritualität die vermeintliche Lösung zu finden. Wie ich erwähnte, man hat Gott gemeinsam geschaut. Es wird also schon stimmen."
Wieder ein Schluck. Maria war, als ob ihr Hirn dadurch klarer würde. Mutierte sie schon zu einer Alkoholikerin?
"Da stimmt doch irgendwas nicht. Wir waren da heute - entschuldigen Sie bitte den Ausdruck - wir waren da heute bei einer Kindergartenvorstellung. Sie haben brav mit aufgezeigt. Und jetzt halten Sie mir eine Vorlesung über Theologie?"
"Neurotheologie. Der neue Forschungszweig, der Gott im Gehirn sucht, heißt Neurotheologie."
"Ob Neuro oder nicht, sind Sie nicht ein bissel verlogen? Sie haben mir doch noch am Kanal erklärt, dass Sie glauben, dass die Welt untergeht, nur weil das Licht ein bissel schwefelgelb war. Wo war da Ihr Hang zu den Naturwissenschaften?"
"Ich habe doch gesagt, dass ich mir jetzt gerade einen Urlaub genehmigt habe."
"Frau Schikaneder, verarschen Sie wen anderen. - Tschuldigung. - Ich mein, spielen Sie mit wem anderen. Ich bin doch ohnehin kein geeigneter Sparring-Partner für Sie."
"Oh, Sie wissen gar nicht, wie geeignet. Sie versuchen wenigstens mitzudenken."
War das jetzt eine Beleidigung oder ein Kompliment? Maria entschied sich für Zweiteres, sie musste sich in Laune halten, sie wollte noch etwas von dieser Frau.
"Und das Thema interessiert Sie."
"Ich glaub', Frau Schikaneder, da irren Sie sich. Es interessiert mich gerade nur so viel, als dass ich fassungslos bin, wie sehr es andere Menschen interessiert. Und das, was nach dem Tod ist, ist mir auch wurscht. Mich interessiert viel mehr, warum Leute töten. Und wenn ich mich hundert Mal dafür interessiere, weil ich in einem fiktiven Regelsystem lebe, dann soll es mir Recht sein. Es ist nun mal mein Regelsystem und ich kenn' kein anderes. - Also, seien so Sie lieb und sagen Sie mir, was Sie von den Lexanern wissen."
Die Schikaneder sah sie unverwandt an. Studierend. Belustigt. Nachdenklich. Auch bewundernd? Nein, das kam Maria nur so vor. Weil sie es sich wünschte. Irgendwie war sie stolz, wie sie das Gespräch jetzt abgewürgt hatte. War sie wirklich stolz? War sie nicht viel mehr erleichtert, weil sie sich eigentlich überfordert fühlte? Egal. Darüber konnte sie nachdenken, wenn sie Gottl den Mörder präsentiert hatte. Und dann würde sie sich in das Thema einlesen, und dann würde sie sich wieder mit dieser Frau da treffen und ...
"Ich war bei den Lexanern. Ich bin zu Ihnen gekommen durch meinen Mann. Ex-Mann."
"Und warum sind Sie weg?"
"Weil ich an Gott gezweifelt habe, als meine Tochter gestorben ist."
Nicht nur Hamster sind eine Kleinigkeit.
"Und weil ich erkennen musste, dass ihr System nur für Starke funktioniert. Verlierer sind Fußvolk, denen man Geld aus der Tasche zieht. Wenn du bei den Lexanern in der Oberliga mitspielen willst, darfst du dir nichts erlauben. Ich meine, du darfst schon, wenn es still und heimlich passiert. Und wenn du der Bußgier der anderen halbwegs Genüge tust. Aber du darfst dir nichts erlauben, was sie in Misskredit bringt. Wissen Sie, wir haben uns gestritten, nachdem Katharina, als unsere Tochter, also, nachdem sie gestorben ist, ich wollte mich scheiden lassen. Ging natürlich nicht. Katholiken lassen sich nicht scheiden."
"Wieso? Haben Sie nicht gerade gesagt, Ex-Mann ...?"
"Ja, er hat es irgendwie geschafft, dass unsere Ehe annulliert worden ist. Die Lexaner sind sehr mächtig. Auch in Rom. Und es war besser, mich als Abtrünnige abzustempeln, denn sich mit meinen Zweifeln auseinanderzusetzen und mir vielleicht zu helfen."
"Und Ihr Mann, wieso hat der nicht ...?"
"Frau Kouba, wir haben es hier mit einem Männerbund zu tun. Frauen haben ihnen untertan zu sein. Und deshalb war es auch nicht schwer, herauszufinden, um wen es sich bei dieser Verrückten, die Sie am Telefon erwähnt haben, handeln könnte. Ist natürlich - unter der Hand - das Gesprächsthema. Die Führung diskutiert gerade, wie sie die Irre unauffällig loswerden können. - Ja, schauen Sie nicht so, manche reden noch mit mir. Ein paar Frauen, die seit Jahren selbst überlegen wegzugehen."
"Na, hoff ma, dass es ihnen gelingt. - Aber wieso ist die Irre das Gesprächsthema? Was sagt sie denn?"
"So viel ich bislang erfahren konnte, hat sie irgendwelche Kontakte zur Unterwelt. Und dort hat sie die Namen gewisser Herren erfahren, die sich des öfteren neben der ehelichen Pflichterfüllung auch noch andere sexuellen Genüsse erlauben. Und das schreit sie heraus. Und man munkelt, dass sie Fotos hat. Irgendwo sicher verwahrt. Was wahrscheinlich der Grund ist, warum sie nicht schon in irgendeinem Kloster verschwunden ist."
Maria winkte dem Burschen um noch zwei kleine Bier, die auch prompt serviert wurden. Zapfte er sie auf Vorrat? Die Schikaneder zuckte jedenfalls anerkennend und dankbar mit den Augenbrauen. Sie wirkte inzwischen völlig anders als am Kanal. Überlegen, damenhaft, intellektuell. Maria bot ihr eine weitere Zigarette an, die sie dankend annahm. Beide produzierten sinnierend Kringel.
"Ich mein', irgendwie versteh' ich das Ganze nicht. Wie kann sich dieser Club so lange halten, mit so wenig Schrammen in der Öffentlichkeit, wenn alle nur machtgeil, korrupt und verdorben sind?"
"Sind ja nicht alle. Es gibt ein paar Vorzeigegläubige. Und natürlich das Fußvolk, das dann brav in Fernsehinterviews sagt, wie erleuchtet es ist. Und wie befreiend strenger Glaube ist. Tatsache ist aber, dass andere die Fäden im Hintergrund ziehen. Und da geht es um Macht. Sie haben überall die Finger drinnen. Sie beeinflussen Politiker, die Gesetze zu machen, die es ihnen ermöglichen, ihre Geschäfte noch mehr auszuweiten, Gesetze zu machen, die den Nährboden schaffen, damit sich ihr Gedankengut in der Gesellschaft voll entwickeln kann. Und ihre Philosophie ist, wenn man das so nennen kann, das Recht des Stärkeren."
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